Die Angiologie ist ein Teilgebiet der Inneren Medizin, das sich mit der Vorbeugung, Diagnose und Behandlung von Erkrankungen der Arterien, Venen und des Lymphsystems beschäftigt. Den Facharzt dieses Bereiches bezeichnet man als Angiologen. Zu den wichtigsten Erkrankungen, mit denen sich die Angiologie befasst, zählen Durchblutungsstörungen, Blutgerinnsel wie Thrombosen und Embolien sowie Lymphödeme.

Angiologie
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Woher kommt der Name Angiologie?

Der Begriff Angiologie stammt aus dem Griechischen, wo ἀγγεῖον angeīon (Blut-)Gefäß und λόγος lógos die Lehre von… bedeutet. Mit Gefäßen sind hier die Blutgefäße des venösen und arteriellen Systems, aber auch die Lymphgefäße gemeint. Das Fachgebiet gehört zur Inneren Medizin und hat die Aufgabe, Erkrankungen dieser Versorgungssyteme vorzubeugen, zu erkennen und zu therapieren.

Das Fachgebiet ist relativ neu – die erste angiologische Klinik begründete der namhafte Internist Max Ratschow in den 1950er Jahren in Darmstadt. Damit handelt es sich bei der Angiologie um das jüngste Teilgebiet der Inneren Medizin.

Das Wichtigste auf einen Blick!

  1. Als Angiologie bezeichnet man das Teilgebiet der Inneren Medizin, das sich mit Erkrankungen von Blut- und Lymphgefäßen beschäftigt.
  2. Ein Angiologe ist ein Facharzt für Innere Medizin mit Schwerpunkt Angiologie.
  3. Die Methoden zur Diagnose von Gefäßerkrankungen sind ein wichtiges Hilfsmittel für zahlreiche andere medizinische Fachrichtungen, mit denen ein Angiologe eng zusammenarbeitet.
  4. Zu den wichtigsten Erkrankungen, die die Angiologie behandelt, gehören die periphere arterielle Verschlusskrankheit, Gefäßverengungen (Stenosen) und Gefäßausbuchtungen (Aneurysmen), Krampfadern, Embolien und Thrombosen.
  5. Wichtige therapeutische Methoden sind Kompressionstherapie, operatives Einsetzen von Gefäßstützen (Stents) und die Gabe von Medikamenten zur Durchblutungsförderung, Gefäßerweiterung und/oder Blutverdünnung.

Nicht alle Gefäßerkrankungen werden in der Angiologie behandelt!

Nicht alle Gefäße fallen in den Zuständigkeitsbereich eines Angiologen:

  • Die Gefäßchirurgie ist ein Teilgebiet der Chirurgie und für die operative Versorgung von Erkrankungen, Verletzungen und Missbildungen zuständig.
  • Die Herzkranzgefäße (Koronargefäße) und ihre Erkrankungen sind eines der wichtigsten Betätigungsfelder eines Kardiologen.
  • Erkrankungen der Venen sind ein Spezialfall – Krampfadern, Hämorrhoiden und Venenentzündungen werden von spezialisierten Angiologen, sogenannten Phlebologen behandelt.
  • Die meisten Gefäßerkrankungen des Zentralen Nervensystems rufen erhebliche neurologische Schäden hervor – daher fallen sie in den Aufgabenbereich von Nervenärzten (Neurologen) und Neurochirurgen.
  • Durch dauerhaft erhöhte Blutzuckerwerte hervorgerufene Gefäßschäden werden von Diabetologen behandelt.
  • Bluthochdruck hat seine Ursache in Arteriosklerose und Gefäßschäden, wird aber von „normalen“ Fachärzten für Innere Medizin (Internisten) oder Allgemeinärzten versorgt.

Arterien, Venen und Lymphgefäße

Betätigungsgebiete eines Angiologen sind die Blutgefäße und Lymphgefäße. Bei den Blutgefäßen unterscheidet man je nach Größe Schlagadern, Arterien und Arteriolen bis hin zu den feinen Blutkapillaren, die sauerstoffreiches Blut aus dem Herzen zu den Organen bringen. Zurückgeleitet wird das Blut über Venolen, Venen und die Hohlvenen.

Weniger bekannt, aber nicht minder wichtig für die Gesundheit sind die Lymphbahnen. Sie sind dünnwandig und anatomisch unauffälliger als die Blutgefäße und dienen dem Transport von Lymphflüssigkeit und darin enthaltenen Eiweißen. Hier unterscheidet man Lymphkapillaren, Präkollektoren und Kollektoren sowie Sammelstämme (Trunci).

Besser bekannt sind die Filterstationen, die Lymphknoten. Hier werden mitgeführte Bakterien aufgelesen und endgültig unschädlich gemacht, und ebenso bleiben hier Krebszellen aus dem Lymphgefäßsystem hängen und bilden Tochtergeschwulste (Metastasen).

Welche Aufgaben hat die Angiologie?

Die Angiologie befasst sich mit der Vorbeugung, Diagnose und Therapie von Erkrankungen der Blutgefäße und des Lymphsystems. Daher ist eine enge Zusammenarbeit des Angiologen mit Hausarzt, Kardiologen, Gefäßchirurgen und anderen Fachärzten besonders wichtig.

Was ist ein Angiologe?

Ein Angiologe ist ein ausgebildeter Facharzt für Innere Medizin mit einer sechsjährigen Weiterbildung, die drei Jahre allgemeine Innere Medizin und weitere drei Jahre in einer angiologischen Klinik umfasst. Nach Abschluss dieser Weiterbildungszeit muss der angehende Angiologe seine Fachkenntnis in einer mündlichen Prüfung unter Beweis stellen. Die offizielle Bezeichnung lautet in Deutschland Facharzt für Innere Medizin mit Schwerpunkt Angiologie.

Welche Erkrankungen behandelt die Angiologie?

Ein Schwerpunkt der Angiologie liegt auf degenerativen und entzündlichen Erkrankungen des Blutgefäß- und Lymphsystems. In vielen Fällen gehören angiologische Untersuchungen zu den wichtigsten diagnostischen Maßnahmen, die in enger Zusammenarbeit mit anderen Fachärzten durchgeführt werden.

Erkrankungen der Arterien

  • Gefäßverengungen der Arterien infolge Arteriosklerose und Atherosklerose:
    • Verengungen der Halsschlagader (Carotis-Stenose)
    • Verengungen der Nierenarterien (Nierenarterien-Stenose)
    • Verengungen der Eingeweidearterien (Stenosen der Arteria mesenterica)
    • transitorische ischämische Attacken (TIA)
    • Schlaganfall
    • Herzinfarkt
  • Gefäßerweiterungen infolge Schwächungen der Gefäßwände, sogenannte Aneurysmen, mit der Gefahr von reißenden Gefäßwänden (Rupturen) oder Bildung von Blutgerinnseln (Thromben, Emboli)
    • Aortenaneurysma der Bauch- und Brustschlagader (Aorta)
    • Hirnaneurysma in den Hirnarterien auf der Unterseite des Gehirns
    • Aneurysma der Beckenarterien
    • Aneurysma der Kniekehlenarterien (Arteria poplitea)
  • periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK; Raucherbein, Schaufensterkrankheit)
  • Gefäßentzündungen (Vaskulitiden)
  • Embolien durch abgeschwemmte und hängen gebliebene Blutgerinnsel (Lungenembolie u.a.)
  • diabetisches Fußsyndrom mit gestörter Durchblutung und Nervenschäden
  • Riesenzellarteriitis (eine zu den rheumatischen Erkrankungen zählende Entzündung der Gefäßwände)
  • Thrombangiitis obliterans (TAO, eine verschließende Gefäßentzündung, die vor allem bei Rauchern auftritt).

Erkrankungen der Venen

  • Krampfadern (Varikose)
  • Hämorrhoiden
  • Entzündungen und Blutgerinnsel in oberflächlichen Gefäßen (Thrombophlebitis)
  • chronisch-venöse Insuffizienz (CVI)
  • venöse Thrombosen mit Folgeerscheinungen wie
    • postthrombotisches Syndrom
    • Unterschenkelgeschwür (Ulcus cruris)

Erkrankungen des Lymphsystems

  • primäre (vererbte) und sekundäre (erworbene) Lymphödeme
  • Lipo-Lymphödeme (bei Lipödem)
  • „Blutvergiftung“ mit Entzündungen von Lymphbahnen und Unterhaut (Lymphangitis)
  • Elefantiasis (ein extrem ausgebildetes Lymphödem)
  • Erysipel (eine bakterielle Hautinfektion ohne Eiterbildung, aber mit Fieber und Schüttelfrost, die sich über die Lymphbahnen ausbreitet)

Gefäßmissbildungen

Zu angeborenen und erworbenen Missbildungen (Malformationen) kann es in Arterien, Venen und Lymphbahnen gleichermaßen kommen. Insbesondere im Zentralen Nervensystem besteht die Gefahr von lebensbedrohlichen Blutungen und neurologischen Folgeschäden.

Welche diagnostischen Methoden verwendet ein Angiologe?

Wichtig für die Beurteilung der Funktionsfähigkeit eines Gefäßes ist die Darstellung der Fließfähigkeit seines Inhaltes. Daher gehören bildgebende Verfahren zum Handwerkszeug des Angiologen:

  • Ultraschalldarstellung (Sonographie) von Gefäßen, Blutfluss und Fließrichtung (Gefäß-Doppler, Farbduplex)
  • Gefäßdarstellung (Angiographie, Phlebographie) mithilfe von Kontrastmittel und Röntgenaufnahmen
  • Oszillometrie (ABI-Messung, Ankle Brachial Index – Vergleich der Blutdrücke am Arm und am Knöchel)
  • Digitale Subtraktions-Angiographie (DSA) mit digitaler Darstellung von Gefäßen einmal mit, einmal ohne Kontrastmittel
  • Computertomographie-Angiographie (CTA) mit Computertomographie und Kontrastmittel
  • Magnetresonanz-Angiographie (MRA) mit Kernspintomographie und Kontrastmittel
  • Kapillarmikroskopie zur Untersuchung kleinster Blutgefäße
  • Venendruckmessung
  • Perthes-Test (Untersuchung der Funktionsfähigkeit der Venenklappen und der Durchgängigkeit der tiefen Beinvenen)

Welche Behandlungsmethoden sind in der Angiologie wichtig?

Die Art der Behandlung richtet sich nach der Ursache der Erkrankung. Wichtig sind vor allem

  • physikalische Maßnahmen wie die komplexe Entstauungstherapie, Kompressionstherapie, manuelle Lymphdrainage
  • Verbesserung der Durchblutung und Verhinderung von Blutgerinnseln mithilfe von Medikamenten zur Durchblutungsförderung, Blutverdünnung und/oder Gefäßerweiterung
  • Aufweitung von Engstellen in Gefäßen mittels Ballondilatation und/oder Gefäßstützen (Stent)
  • Ausschälung von Gefäßeinengungen (Atherektomie)
  • Zertrümmerung von Gefäßverkalkungen mithilfe eines Gefäßkatheters und Schockwellen – ein relativ neues Verfahren.

Quellen, Links und weiterführende Literatur

  • Deutsche Gesellschaft für Angiologie/Gesellschaft für Gefäßmedizin e.V. (DGA). Internetauftritt.
  • Deutsche Gefäßliga e.V. – Internetauftritt.
  • Bundesverband Deutscher Internisten (BDI): Schwerpunkt Angiologie.
  • Verschlusssache pAVK – Die Initiative gegen pAVK. Internetauftritt.
  • Gerd Herold: Innere Medizin. Köln 2016: G. Herold Verlag. ISBN-10: 3981466063.
    Wolfgang Piper: Innere Medizin. 2. Auflage. Stuttgart 2012: Springer-Verlag. ISBN-10: 3642331076.
  • Willibald Pschyrembel: Klinisches Wörterbuch. 266. Auflage. Berlin 2014: Walter de Gruyter-Verlag. ISBN-10: 3110339978.
  • Malte Ludwig, Johannes Rieger, Volker Ruppert: Gefäßmedizin in Klinik und Praxis: Leitlinienorientierte Angiologie, Gefäßchirurgie und interventionelle Radiologie. 2. Auflage. Stuttgart 2010: Georg Thieme-Verlag. ISBN-10: 9783131101921.
  • Ulf Teichgräber, René Aschenbach, Dierk Scheinert, Andrej Schmidt: Periphere arterielle Interventionen: Praxisbuch für Radiologie und Angiologie. Stuttgart 2018: Springer-Verlag. ISBN-10: 366255934X.
  • Horst Rieger, Werner Schoop: Klinische Angiologie. Stuttgart 1998: Springer-Verlag. ISBN-10: 3540508996.